Multifamilienarbeit
Der 3. Anlass der Themenreihe «Schulraum + - Heterogenität in der Schule» fand am 9. September 2026 zur Multifamilienarbeit durch die Referentin Annette Schmidt, Leiterin Schulpsychologie und Logopädie, Amt für Volksschule statt.
Wir haben Annette Schmidt, gefragt, warum Multifamilienarbeit ein Erfolgsmodell ist.
Was kann Multifamilienarbeit für die Eltern und die Schulen leisten? Welche Ziele hat sie?
Die Multifamilienarbeit baut eine Brücke zwischen Elternhaus und Schule. Sie ermöglicht Eltern in die Schulwelt ihrer Kinder einzutauchen und gleichzeitig stärkt sie die Beziehung von Kindern und ihren Eltern und zur Schule. Mögliche negative Vorstellungen oder Muster werden aufgeweicht. Es wird klar, dass Kinder, Eltern und Lehrpersonen dieselben Ziele zum Wohl des Kindes verfolgen. In einer Multifamiliengruppe besteht die Möglichkeit, sich mit Schwierigkeiten eines Kindes oder seiner Eltern vertiefter und zugleich breiter auseinanderzusetzen, da die Mitglieder der anderen Familien neue und andere Perspektiven haben. Dies vor allem dann, wenn sie mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Menschen zeigen oft eingeengte Sichtweisen für eigene Probleme, haben aber ein gutes Gespür für ähnliche Probleme bei anderen. Dies kann in der Multifamilienarbeit genutzt werden, wenn eine Atmosphäre von gegenseitigem Vertrauen, Anteilnahme, Verständnis und Transparenz geschaffen wird. Ziel der Arbeit ist es, dass die teilnehmenden Familien die Vielfalt und das erlebte Wohlwollen in der Gruppe als Chance für eigene Entwicklungen begreifen und nutzen. Die Familien erkennen, dass auch andere mit (Schul)schwierigkeiten kämpfen. Dies stärkt das Selbstwertgefühl und das Einfühlungsvermögen. Es macht die Familien offener für die Wahrnehmung und Lösung von Herausforderungen. Mich überzeugt am Ansatz der Multifamilienarbeit, dass sowohl für jedes Kind individuelle Ziele im Verhaltensbereich verfolgt werden, als auch sich dadurch schulisches Verhalten sowie Schulfähigkeiten weiterentwickeln können und die Eltern-Kind-Beziehung sowie die Erziehungskompetenzen und die Kooperation zwischen Schule und Eltern gestärkt werden.
Welche Voraussetzungen sollten gegeben sein?
Obwohl der Ansatz im therapeutischen Kontext entwickelt wurde, braucht die Familienklasse für die Durchführung keine therapeutischen Fachkräfte, weil das Angebot «Familienklasse» für den Einsatz in Schulen und die Durchführung mit Gruppenleitung durch interessierte schulische Fachpersonen entwickelt wurde. Multifamilienarbeit in Schulen ist nicht isoliert, sondern eingebettet in einen schulischen ‚Massnahmen-Katalog‘ mit Schulsozialarbeit, Elterngesprächen, und letztlich pädagogischer Haltung. Eine weitere Voraussetzung ist ein ‚familien-freundliches‘ Schulklima und ein professionelles Netzwerk (im Verlauf und/oder im Anschluss) mit beispielsweise SPL, KJPD, Fachpersonen oder Beratungsstellen.
Wie sieht Multifamilienarbeit in der Umsetzung konkret aus?
Für gewöhnlich umfasst der zeitliche Rahmen einer Familienklasse einen Zeitraum von 4 bis 6 Monaten mit rund 12 Treffen in wöchentlichen Intervallen. Eine Familienklasse besteht üblicherweise aus 5 bis 8 Familien, dauert einen Halbtag und findet während der normalen Schulzeit in einem dafür vorgesehenen Raum in einer Schule statt. Hier treffen sich die 5 bis 8 Schülerinnen und Schüler und mindestens ein erwachsenes Mitglied ihrer Familie – meist ein Elternteil – zusammen mit den beiden Gruppenleitungen. Die Multifamilienarbeit wird idealerweise in Unterrichtsabschnitten und Multifamilien- Abschnitten organisiert. Es bestehen klare Zuständigkeiten: die Kinder sind für die schulischen Aufgaben verantwortlich, Eltern für ihre Kinder und deren Arbeitsbereitschaft, die Lehrpersonen für den Unterricht, die Wissensvermittlung und gute Lernsituationen sowie die Multifamilienarbeit-Fachperson für die Gruppe und Multifamilien-Aufgaben wie beispielsweise Themensetzung, Begleitung der Gruppendynamik, Vernetzung, Aktivierung und Coaching der Eltern. Bevor die Familienklasse startet, werden für jedes Kind oder Jugendlichen spezifische Ziele (Fähigkeiten) bestimmt und benannt, die von Veränderungen im Bereich des Verhaltens bis hin zu verbesserten Lernerfolgen reichen könnten. Zunächst sind die Ziele auf das Verhalten des Kindes in der Schule ausgerichtet, aber im weiteren Verlauf der Arbeit können die Ziele verändert und unter Umständen im familiären Bereich ausgedehnt werden, um so die Verbindung zwischen Schule und dem Zuhause zu stärken.
Wer ist die Zielgruppe von Multifamilienarbeit?
Vom Angebot der Familienklasse profitieren Schülerinnen und Schüler, die im schulischen Kontext Schwierigkeiten aufweisen und herausforderndes Verhalten zeigen: beispielsweise verbale und körperliche Aggressionen, fehlende oder geringe Impulskontrolle, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme, Ängste, Depressionen, Kommunikationsschwierigkeiten, Lernblockaden, unregelmässiger Schulbesuch bis hin zur Schulvermeidung.
Welche guten Erfahrungen gibt es bereits?
Im deutschsprachigen Raum gibt es viele Anwendungen der Multifamilienarbeit in Schulen, so auch in der Schweiz. Im Kanton Thurgau wurden oder werden Multifamilienangebote in Amriswil sowie in der Förderschule Fischingen gemacht. Von mindestens einer anderen Schule habe ich Kenntnis, dass sie an einem Aufbau und der Umsetzung interessiert sind. Durch wissenschaftliche Evaluationen von Umsetzungen ist gut belegt, dass sich die Investitionen in die Multifamilienarbeit nicht nur für die betroffenen Kinder, sondern auch für die Schulen und die Eltern lohnen.
Das Interview wurde durch Viviane Hoyer, Angebotsverantwortliche Schulraum+, geführt.
Literaturempfehlungen
Die Familienklasse : Multifamiliengruppenarbeit in Schulen Empfehlung von Annette Schmidt
Multifamilenarbeit und Elternarbeit zusammengestellt von der Campus-Bibliothek