ChatGPT oder Claude bedienen, Bilder generieren oder einen guten Prompt schreiben – reicht das bereits, um KI-kompetent zu sein? Die OECD und die Europäische Kommission sagen klar: nein. Ihr 2026 veröffentlichter KI-Kompetenzrahmen für die Primar- und Sekundarstufe beschreibt, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler brauchen, um sich in einer zunehmend von KI geprägten Welt selbstbestimmt bewegen zu können. Der Kompetenzrahmen trägt auch zum neuen PISA-Bereich «Media and Artificial Intelligence Literacy» bei, der 2029 erstmals erhoben wird.
Vier Bereiche von KI-Kompetenz
KI-Kompetenz umfasst laut dem Kompetenzrahmen weit mehr als die Nutzung einzelner KI-Tools. Schülerinnen und Schüler sollen verstehen, wie KI-Systeme funktionieren, Ergebnisse kritisch beurteilen und Chancen, Risiken sowie ethische Fragen einschätzen können. Dafür unterscheidet der Kompetenzrahmen vier aufeinander bezogene Bereiche:
Mit KI bewusst umgehen
Schülerinnen und Schüler erkennen KI-Systeme in ihrem Alltag, hinterfragen deren Ergebnisse und können Chancen und Risiken einschätzen. Dazu gehört beispielsweise, KI-generierte Informationen auf Richtigkeit zu überprüfen und nicht davon auszugehen, dass eine überzeugend formulierte Antwort automatisch korrekt ist.
KI kreativ anwenden
KI wird zum Werkzeug für die eigenen Ideen. Schülerinnen und Schüler können mit KI brainstormen, Entwürfe weiterentwickeln oder unterschiedliche Lösungswege erkunden. Entscheidend ist: Die KI ersetzt die eigene Kreativität nicht, sondern unterstützt einen Prozess, den Schülerinnen und Schüler weiterhin selbst gestalten und verantworten.
KI gezielt einsetzen
Nicht jede Aufgabe sollte an eine KI delegiert werden. Schülerinnen und Schüler sollen entscheiden können, ob, wann und wofür KI sinnvoll ist – und wann eigenes Denken oder menschliches Urteilsvermögen gefragt sind.
KI aktiv mitgestalten
Schliesslich sollen junge Menschen KI nicht nur als fertige Technologie nutzen. Sie setzen sich damit auseinander, wie KI-Systeme gestaltet werden und wie dabei menschliche Werte, unterschiedliche Perspektiven und gesellschaftliche Interessen berücksichtigt werden können.
KI-Kompetenz als gemeinsame Aufgabe
KI-Kompetenz lässt sich nicht einem einzelnen Fach oder einer einzelnen Lehrperson zuordnen. Schulen stehen deshalb vor der Aufgabe, gemeinsam zu klären: Welche Kompetenzen sollen Schülerinnen und Schüler entwickeln, wann werden diese aufgegriffen und wer übernimmt dafür Verantwortung? Der KI-Kompetenzrahmen für die Primar- und Sekundarstufe kann dabei als Orientierung dienen, um bestehende Lernaktivitäten sichtbar zu machen und Lücken zu erkennen.
Autor: Alex Bürgisser, Dozent Medien und Informatik (zum Profil)
Quelle: OECD / Europäische Union (2026): Lernende für das KI-Zeitalter befähigen – Ein KI-Kompetenzrahmen für die Primar- und Sekundarstufe.
Bildquelle: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI)