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Carol Vladani ist seit Februar 2026 neuer Prorektor Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Wir haben ihn gefragt wie seine ersten Wochen und Monate verlaufen sind und welche Visionen er für die Ausbildung der PHTG hat. 



Sie sind nun seit 100 Tagen als Prorektor Ausbildung an der PH Thurgau tätig. Welche Eindrücke aus dem Austausch mit Studierenden, Dozierenden und Bildungspartnerinnen und Bildungspartnern haben Sie besonders geprägt?
Mich hat beeindruckt, mit wie viel Engagement, Professionalität und Ernsthaftigkeit an der PHTG gearbeitet wird. In den vergangenen drei Monaten konnte ich zahlreiche Gespräche mit Abteilungsleitenden, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Prorektoraten, Dozierenden und Mitarbeitenden aus Verwaltung und Administration führen. In all diesen Gesprächen habe ich bemerkt, dass die tägliche Arbeit von viel persönlichem Einsatz und Leidenschaft für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung geprägt ist. Die Menschen an der PHTG identifizieren sich stark mit ihrer Arbeit und dem Auftrag der PHTG zugunsten einer professionellen und zeitgemässen Lehrerinnen- und Lehrerbildung im Kanton Thurgau.
Gleichzeitig habe ich die PHTG als Institution kennengelernt, die in den vergangenen Jahren viel aufgebaut hat: Neue Studiengänge und Studienformate, Kooperationen mit anderen Hochschulen und steigende Studierendenzahlen.
Die PHTG ist gross genug, um Wirkung zu entfalten und sich in der Hochschullandschaft zu positionieren und gleichzeitig klein genug, damit sich Menschen kennen und Anliegen direkt besprochen werden können. Wir haben eine Kultur der kurzen Wege und offenen Türen, was ich sehr schätze.

 

Die Anforderungen an Lehrpersonen verändern sich laufend, sei es durch Digitalisierung, Diversität oder gesellschaftliche Entwicklungen. Wo sehen Sie aktuell die wichtigsten Herausforderungen in der Lehrpersonenausbildung?
Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, wie anspruchsvoll der Lehrberuf geworden ist. Lehrpersonen sollen heute fachlich stark sein, heterogene Klassen führen, Team- und Elternarbeit leisten, pädagogisch begründet, reflektiert und digital kompetent handeln. Gleichzeitig sollen sie einer Klasse Orientierung bieten und Schülerinnen und Schüler individuell begleiten. Das ist enorm viel.

Unsere Antwort auf diese Herausforderung können nicht einfach neue Ausbildungsinhalte oder -formate sein. Die zentrale Frage aus meiner Sicht lautet: Was zeichnet eine gute Lehrperson aus? Eine mögliche Antwort auf diese Frage liegt in einem zeitgemässen Professionsverständnis. Also einem Verständnis davon, welche Kompetenzen, Haltungen und Entwicklungsprozesse eine zeitgemässe Lehrerinnen- und Lehrerbildung tragen sollen.

Die zunehmende Heterogenität ist eine gesellschaftliche Realität. Unterschiedliche sprachliche, soziale und kulturelle Voraussetzungen gehören heute selbstverständlich zum Schulalltag. Lehrpersonen können diese Vielfalt aber nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Chance verstehen. Gleichzeitig benötigen sie ein professionelles Handlungsrepertoire, das sie dabei unterstützt, den mit der Heterogenität verbundenen Herausforderungen professionell und nachhaltig begegnen zu können.

Zur Digitalisierung: Sie ist nicht erst seit gestern eine gesellschaftliche Tatsache. Ich sehe hier viel Potenzial, den Unterricht mithilfe digitaler Arbeitsmittel weiterzuentwickeln und so noch besser auf die Bedürfnisse der Lernenden eingehen zu können. Lehrerin oder Lehrer zu sein bleibt aber ein Beziehungsberuf. Auch im Zeitalter von KI bleiben Fähigkeiten wie professionelles Handeln, Reflexionsfähigkeit und pädagogisches Urteilsvermögen relevant.


Die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Schulfeld ist zentral. Wo sehen Sie im Kanton Thurgau besonderes Potenzial für eine noch engere Vernetzung?
Der Thurgau hat vor allem den Vorteil kurzer Wege. Man kennt sich und kommt miteinander ins Gespräch. Wir arbeiten bereits heute eng mit den Ämtern und Bildungsverbänden im Kanton zusammen. Diese Zusammenarbeit ist von gegenseitiger Wertschätzung und dem gemeinsamen Ziel, gute Lehrpersonen für den Kanton Thurgau auszubilden, geprägt.
Grundlegend scheint mir zudem, dass Hochschule, Schule und Politik einander zuhören. Nur wenn wir im Dialog bleiben und die Motive unseres Gegenübers verstehen, können wir die Ausbildung von Lehrpersonen so weiterentwickeln, dass sie Antworten auf aktuelle Fragen und Herausforderungen bietet, die im Schulzimmer tragfähig sind.
Die Strategie der PHTG sieht vor, künftig Ausbildung, Berufseinführung und Weiterbildung noch stärker zusammendenken, das kann ich nur unterstützen. Denn Professionalität entsteht nicht mit dem Abschluss eines Studiums. Sie entwickelt sich über viele Berufsjahre hinweg.



Viele Schulen stehen derzeit vor Themen wie Lehrpersonenmangel, zunehmender Heterogenität oder dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz im Unterricht. Welche Rolle kann und soll eine Pädagogische Hochschule, in Ihrem Fall die PH Thurgau, dabei übernehmen?
Die PHTG trägt eine direkte Teil-Verantwortung  für die Schule und damit auch für die Gesellschaft in unserem Kanton. Rund drei Viertel der Absolventinnen und Absolventen bleiben nach dem Studium im Thurgau. Was wir an der PHTG vermitteln hat also direkte Auswirkungen auf die Volksschule im Kanton. Gerade deshalb darf sich die PHTG nicht nur als Ausbildungsinstitution verstehen. Sie muss sich auch positionieren und Orientierung bieten. So geht es beispielsweise im Kontext des Lehrpersonenmangels nicht nur darum, kurzfristig möglichst viele Lehrpersonen auszubilden. Entscheidend ist vielmehr, Lehrpersonen so auf den Beruf vorzubereiten, dass sie langfristig professionell, motiviert und gesund im Schulfeld arbeiten können.
Beim Thema KI scheint mir eine angemessene Zurückhaltung genauso wichtig wie eine grundsätzliche Offenheit. Denn: nicht jede neue technologische Entwicklung führt automatisch zu besserem Unterricht. Schulen brauchen hier keinen Aktionismus, sondern einen reflektierten Umgang mit den Möglichkeiten und Grenzen solcher Hilfsmittel. Eine Rolle der PHTG liegt somit auch darin, Entwicklungen kritisch einzuordnen und gemeinsam mit dem Schulfeld tragfähige Antworten zu finden.

 

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Welche Schwerpunkte möchten Sie in Ihrer Rolle als Prorektor Ausbildung der PH Thurgau in den kommenden Jahren setzen?
Ein wichtiger Schwerpunkt ist sicher die Weiterentwicklung der bestehenden Studiengänge. Wir müssen uns noch klarer fragen: Wie muss ein Studiengang aussehen, der Lehrpersonen wirklich gut auf die Schule von morgen vorbereitet? Weiter möchte ich dazu beitragen, dass die PHTG ihre Stärken noch sichtbarer macht. Wir haben innovative Studienformate, starke Partnerschaften und eine persönliche, wertschätzende Studienkultur. Ich möchte dazu beitragen, dass sich die PHTG als innovativer Ort der Lehrerinnen- und Lehrerbildung mit einem eigenen Profil und attraktivem Aus- und Weiterbildungsangebot weiter profilieren kann. Gesellschaft und Schule verändern sich. Wichtige Kernelemente des Lehrberufs bleiben aber bestehen: gute Beziehungen, professionelle Haltung und die Verantwortung gegenüber Kindern und Jugendlichen. Dafür soll die Ausbildung der PHTG stehen.